Sarina Molinari
hat eine innige Beziehung zu den Songs von ABBA.
In Winterthur findet am Wochenende der grösste onkologische Kongress für Laien statt. Warum ist Winterthur führend im Bereich der Krebsbehandlung und wie ist der Stand der Medizin?
Gesundheit Krebs ist eine Volkskrankheit und zweithäufigste Todesursache in der Schweiz. Die Betroffenheit ist deshalb gross. Doch die Welt der Medizin ist für Laien selten verständlich. Um hier eine Brücke zu schlagen, hat das Kantonsspital Winterthur (KSW) vor 19 Jahren erstmals die Tumortage ins Leben gerufen, heute der grösste onkologische Kongress für ein Laienpublikum in der Schweiz. Im Gespräch erzählt Christian Britschgi, Chefarzt und Leiter Tumorzentrum Winterthur, wie sich die Krebsbehandlung in den letzten Jahren entwickelt hat und was er einem Jugendlichen rät, um dem Krebs vorzubeugen.
Christian Britschgi: Eine Krebsdiagnose war früher ein Todesurteil. Ist sie es noch?
Christian Britschgi: In der Krebsmedizin gab es in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zwei grosse Entwicklungen. Das ist einerseits die Entwicklung der Immuntherapie und andererseits jene in der Präzisions-Onkologie.
Was heisst das konkret?
Die immunologische Grundlagenforschung, ganz einfach gesagt, hat herausgefunden, wieso Krebszellen es manchmal schaffen, dem Immunsystem zu entweichen. Unser Immunsystem würde eigentlich alles Körperfremde erkennen und zerstören, und die Wissenschaft hat sich lange gefragt, wieso dies bei Krebszellen nicht klappt. Der Hintergrund ist, dass es auf der Tumorzelle Bremsen gibt, Eiweisse an der Zelloberfläche, welche das Immunsystem fernhalten. Diese Entdeckung führte zum Nobelpreis für Medizin. Basierend darauf wurden Medikamente entwickelt, um diese Bremsen zu lösen und das eigene Immunsystem gegen die Krebszellen zu aktivieren.
Mit Erfolg?
Die Medikamente führen dazu, dass man erstens Erkrankungen in der metastasierten Situation – einem Stadium, wo man weiss, dass man die Krankheit nicht heilen kann – viel besser behandeln kann, sodass die Patienten mit der Erkrankung länger überleben. Zum Teil entsteht der Eindruck, dass Krebs zu einer chronischen Krankheit wird und dass Langzeitüberleben möglich ist, ähnlich wie bei AIDS. Die andere Situation ist, dass man Krebs, wenn er im Frühstadium diagnostiziert wird, häufig mit Operationen heilen kann. Oft ist dazu eine begleitende Chemotherapie nötig, um das Risiko eines Rückfalls zu senken. In solchen Situationen werden immer häufiger Immuntherapien eingesetzt. Dadurch kann der Prozentsatz geheilter Patienten gesteigert werden.
Relativ neu ist die Interventionelle Radiologie, für die das KSW ausgezeichnet wurde. Wie sieht dieses Verfahren aus?
Bei der Interventionellen Radiologie sticht man mit einer Nadel in den Tumorherd und vereist ihn entweder, um den Herd zu zerstören, oder man setzt andere Techniken wie zum Beispiel die Radiofrequenzablation ein.
Ist das die Zukunft der Krebsbehandlung?
Das ist eine neuere Technologie, die sehr wirksam ist. Sie ist nicht sehr invasiv, weil keine Operation nötig ist. Da es keine Bestrahlung gibt, hat dieses Verfahren auch keine Nebenwirkungen auf die Haut. Mit nur einer Sitzung ist die Behandlung zudem deutlich kürzer. Die Radiofrequenzablation bietet also viele Vorteile, es ist aber entscheidend, wo der Krebsherd im Körper liegt, also ob er zugänglich für diese Art von Intervention ist.
Wo wäre ein geeigneter Ort?
Gut zugängliche Metastasen, aber auch Primärtumore wie Lungenkrebs oder Brustkrebs. Vor Kurzem wurde eine Studie der Kollegen aus Mailand veröffentlicht, dass man sehr frühe Stadien von Brustkrebs statt mit einer Operation gegebenenfalls auch mit der Kryoablation behandeln könnte, also mit Kälte.
Das Kantonsspital Winterthur zählt zu den besten Adressen bei der Krebsbehandlung in der Schweiz. 2025 wurde es als erstes Spital der Schweiz mit dem Gütesiegel «IASIOS Centre of Excellence» ausgezeichnet. Wie kommt es, dass gerade Winterthur in diesem Bereich führend ist?
Das ist meiner Meinung nach eine Folge der gezielten Investition in diesen Bereich. Das KSW hat schon früh einen Schwerpunkt in der interventionellen Radiologie etabliert, entsprechend gibt es am Spital sehr gute Fachleute in diesem Bereich.
Was ist die Hauptursache für Krebs?
Es gibt Krebserkrankungen, die ganz klar durch den Lebensstil bedingt sind. Ganz weit vorne steht hier das Rauchen als eine der Ursachen für Lungenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren, Blasenkrebs und andere. Alkohol kann ebenfalls Krebserkrankungen begünstigen. Es gibt aber auch einen ganz grossen Anteil an Krebserkrankungen, die wir heute nicht erklären können – oder noch nicht. Einer der wichtigsten Risikofaktoren ist auch das Alter.
Gleichzeitig erkranken laut der Krebsliga jährlich rund 250 Kinder in der Schweiz an Krebs. Wie kann das sein?
Die bei Kindern häufigsten Krebsarten sind Leukämien, Hirntumoren und Knochenkrebs. Warum das so ist und warum ein bestimmtes Kind erkrankt, ein anderes hingegen nicht, kann man sich heute in den allermeisten Fällen nicht erklären.
Welchen Lebensstil raten Sie einem gesunden Jugendlichen, um Krebs vorzubeugen?
Nicht mit Rauchen anzufangen, auch nicht zu vapen! Erste Studien deuten darauf hin, dass auch das Vapen den Krebs begünstigen kann. Wenn Alkohol, dann in Massen und eine ausgewogene, gesunde Ernährung ist auch wichtig. Übergewicht kann auch gewisse Krebserkrankungen begünstigen. Man weiss, dass Darmkrebs häufiger bei Menschen auftritt, die viel rotes Fleisch konsumieren. Das sind aber relativ kleine Risiken, die nicht mit dem Rauchen vergleichbar sind.
Eine Krebsdiagnose stellt das ganze Leben auf den Kopf. Was raten Sie in einem solchem Moment den Patienten?
Ich rate den Patienten, möglichst wenig umzustellen. Die Diagnose und die ganze Therapie sind schon einschneidend genug. Es kann zu viel sein, zum Beispiel auch noch die Ernährung komplett umzustellen. Der Effekt wäre auch gering. Wir in einem interdisziplinären Team mit unter anderem auch Psychoonkologen, raten oft zu begleitenden, unterstützenden Therapien, wie zum Beispiel einer Bewegungstherapie.
Wieso das?
Sie hilft auch im Sinne der Selbstwirksamkeit. Eine Krebsdiagnose bedeutet auch einen grossen Kontrollverlust. Man ist der Situation sehr stark ausgeliefert. Wer aktiv sein kann, zum Beispiel eben bei einem Bewegungstherapieprogramm, bekommt ein Stück weit die Kontrolle zurück. Aktiv etwas fürs eigene Wohlbefinden zu tun, ist ganz wichtig.
Sie bieten an den Tumortagen auch einen Yoga-Workshop an. Wie wichtig ist Komplementärmedizin?
In diesem Bereich arbeiten wir mit externen Partnern zusammen, wir haben selbst keine Komplementärmedizin am KSW. Viele Patienten fragen danach und lassen sich parallel komplementärmedizinisch mitbetreuen.
Wie gross ist dieses Bedürfnis?
Es sind sicher deutlich weniger als die Hälfte unserer Patienten, aber doch viele. Besonders bei Frauen mit Brustkrebs ist die Nachfrage gross. Wichtig ist, dass die komplementärmedizinische Behandlung die Schulmedizin nicht ausblendet. Es ist wichtig, dass die Behandlungen aufeinander abgestimmt passieren.
Frühzeitig ist Krebs oft besser behandelbar. Wie oft empfehlen Sie eine Früherkennungsuntersuchung?
Für alle gilt ab 50 Jahren eine Dickdarmspiegelung als empfehlenswert, sowie für Frauen eine Mammografie. Männer sollten im Gespräch mit dem Hausarzt oder dem Urologen auch entscheiden, ob sie den PSA-Wert zur Früherkennung von Prostatakrebs bestimmen lassen möchten.
Interview: Sandro Portmann
Seit 19 Jahren führt das Kantonsspital Winterthur mit verschiedenen Partnern die Tumortage durch. Diese richtet sich an ein Laienpublikum. Die Tumortage 2026 finden am Freitag und Samstag, 10. und 11. April, als Hybridveranstaltung statt. Neben einer Teilnahme vor Ort, können Gäste am Freitag auch online teilnehmen. Am Samstag stehen verschiedene Workshops zur Auswahl. Ein nicht abschliessender Einblick in das Programm der Tumortage: Am Freitag wird zu folgenden Themen referiert: «Heilungschancen und neue Therapien bei Lungenkrebs», «Heilungschancen und neue Therapien bei Darmkrebs», «Live-Tumorboard: Urologie», «Fatigue – wenn der Krebs oder seine Therapie müde machen», «Vorsorge und Früherkennung bei Krebs», «Schulmedizin und Komplementärmedizin», «Was sind Metastasen und wie kann man sie behandeln?», «Diagnose Krebs: Orientierung und Entlastung bei rechtlichen, finanziellen und administrativen Fragen».
Die Workshops am Samstag behandeln Themen wie: «Zurück ins Leben – meine Erfahrungen als Patient und Arzt», «Komplementärtherapie Yoga», «Roboterchirurgie in der Urologie», «Bronchoskopie Workshop», «Der Patient / die Patientin entscheidet mit», «Mikroskopie-Workshop», Ernährung und Bewegung», «Strahlentherapie: Mit modernen Technologien Krebs behandeln» oder «So will ich nicht weiterleben!»
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