Stefan Fritschi
duelliert sich gegen Kaspar Bopp um das Amt des Stadtpräsidenten.
Szenografin Melanie Mock schickt ihr Publikum in der «Nagli» auf ein vielschichtiges Geschichtserlebnis. Kopfhörer aufsetzen und los gehts.
Industriegeschichte Im Eingang zur «Nagli», vor der Stempeluhr, stauen sich die Arbeiterinnen und Arbeiter. Ihre Kleidung ist grau, und abgesehen von einigen Details so eintönig, wie wohl die Tage in der Fabrik verlaufen.
Die «Nagli» in Winterthur-Grüze feiert dieses Jahr ihr 130-jähriges Bestehen, noch immer werden dort Nägel produziert. Grund genug für Stadtpräsident Michael Künzle, persönlich an der Premiere am Freitag, 13. Juni, zu gratulieren.
«Die ‹Nagli› ist die einzige, noch produzierende Nagelfabrik in der Schweiz», sagt Rainer Thomann bei der Begrüsung. Er ist ehemaliger Geschäftsleiter der Fabrik und heute Kassier des Vereins für Industrie- und Bahnkultur (Inbahn). Zusammen mit der Vereinspräsidentin Chantal Maurus Huber blickte er zurück in die Vergangenheit des Industriebetriebs.
Für einmal wird die «Nagli», «lebendes Denkmal» der Industriegeschichte, zum Schauplatz für ein aussergewöhnliches Erlebnis: Auf einem Rundgang mit Kopfhörer folgt das Publikum einer philosophischen Erzählstimme durch die Hallen, begegnet Fabrikarbeitern, Packerinnen, Maschinen, Klangwelten und Archimedes selbst – dem Urvater wissenschaftlich-technischen Denkens. «Beim Zeus! Diese Kolosse!», erklingt wenig später dessen Stimme. Wer hätte gedacht, dass aus dem von ihm entwickelten Hebelgesetz Maschinen zur Herstellung von Nägeln hervorgehen würden? Diese stehen in der «Nagli», und wenn sie in Betrieb gesetzt werden, wird es ganz schön laut.
Getragen wird das Projekt «Archimedes träumt» vom neu gegründeten Verein «Nagli in Szene» rund um Szenografin Melanie Mock, einem zwölfköpfigen Team und vielen freiwillig Mitwirkenden aus Winterthur. Den Text verwoben hat die Autorin und ehemalige Journalistin Andrea Keller. «Für die Recherche habe ich in Archiven gegraben und Bücher gewälzt» sagt sie. Die Original-Text-Müsterli der Arbeiterinnen erhielt sie vom Verein Inbahn.
Projekt-Initiantin Mock hatte einige Herausforderungen zu bewältigen.
Die erste bestand darin, die Belegschaft der Fabrik zum Mitmachen zu bewegen, was bei Kaffee und Gipfeli gelang. Als weitere galt es, den laufenden Betrieb nicht zu sehr zu stören. «Wir verlegten rund 200 Laufmeter Kabel», sagt Mock. Ein wichtiger Punkt war es, die Gelder für das Projekt aufzutreiben. «Wir haben 230 000 Franken gesucht – und gefunden.»
Bei der künstlerischen Form entschied sich Mock für eine Audio-Tour. «Dadurch, dass die Stimme nah am Ohr ist, bleibt das Publikum die ganze Zeit fokussiert.»
Claudia Naef Binz
Alle Vorführungen sind ausgebucht, Plätze für die Quartierführungen sind noch erhältlich.
www.archimedes-traeumt.ch
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