Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Benno Singer (links) und Martin Riedi fordern ein Gesamtverkehrskonzept, das über die Bahnhofserweiterung hinausgeht. Bild: spo
Winterthur braucht im Stadtrat einen Bahnhofvorstand, fordert der Verein «Unser Bahnhof Winterthur». Denn Winterthur vertrete ihre Verkehrsprojekte in Bern noch zu wenig selbstbewusst.
Mobilität Der Verein «Unser Bahnhof Winterthur» feiert sein fünfjähriges Bestehen. Zeit für ein Gespräch darüber, wie der Hauptbahnhof Winterthur mit den steigenden Pendlerströmen künftig vermeiden kann, zum Nadelöhr zu werden. Die beiden Co-Präsidenten Martin Riedi und Benno Singer fordern im Gespräch einen Bahnhofvorstand und eine offenere Diskussion über die Möglichkeiten.
«Unser Bahnhof Winterthur» ist fünf Jahre alt geworden. Gleichzeitig wurden beim Bundesprogramm «Verkehr '45» wichtige Winterthurer Infrastrukturprojekte zurückgestuft. Ist man trotzdem in Feierlaune?
Riedi: Ja. Fünf Jahre Freiwilligenarbeit, 40 Mitglieder und rund 200 Interessierte sind Gründe zum Feiern. Aber gefeiert haben wir mit dem Blick nach vorne. «Verkehr ’45» zeigt, dass Winterthur in Bern lauter werden muss, sonst werden Projekte zurückgestellt.
Die Stadt Winterthur muss also selbstbewusster auftreten?
Singer: Ja. Vor allem gegenüber dem Bund.
Und gegenüber dem Kanton?
Singer: Gegenüber dem Kanton ist die Stadt gut positioniert, weil dieser in Bezug auf «Verkehr '45» absolut gleicher Meinung ist. Wir wollen aber die Stadt stützen. Auch wir sind derselben Meinung: Der jetzt gestrichene Bahnhof Grüze Nord muss realisiert werden. Wenn der Bund dieses Projekt tatsächlich nicht realisiert, ist das ein fataler Fehlentscheid.
Wie gross ist die Hoffnung, dass der Bund noch einlenkt?
Singer: Wir haben mehr als nur Hoffnung. Stadtrat und Regierungsrat verlangen beide eine Überarbeitung der Vorlage. Das ist ein starkes Signal. Am Jubiläumsanlass haben wir gesagt, dass wir auf der politischen Ebene einen Bahnhofvorstand brauchen, jemand aus dem Stadtrat, der sich um den Bahnhof kümmert.
Sie sprechen von der Stadträtin Christa Meier, Vorsteherin des Departements Bau und Mobilität?
Singer: Fast. Bahnhofsentwicklung ist Stadtentwicklung und damit Chefsache. Wir haben einen Hut kreiert, einen Vorstandshut, den wir dem Stadtpräsidenten Stefan Fritschi überreichen werden. Es ist ein noch stärkeres Zeichen, wenn der Stadtpräsident hinsteht.
Klar ist: Es wird immer enger am Hauptbahnhof. Wie muss die Bahnhofsentwicklung passieren, um mit den steigenden Pendlerströmen umzugehen?
Riedi: Heute steigen über rund 100 000 Menschen am Hauptbahnhof ein und aus. Der Bahnhof Winterthur ist der viertgrösste Bahnhof der Schweiz. Bis 2050 rechnet man in Winterthur mit 180 000 ein- uns aussteigenden Personen. Das löst man nicht allein mit mehr Gleisen. Winterthur braucht dringend ein Gesamtkonzept, wie der Verkehr in der Stadt organisiert wird, insbesondere der öffentliche Verkehr. Heute wird Stück für Stück geplant: hier ein Gleis, dort eine Buslinie, anderswo eine Velostation. Was fehlt, ist das Bild, wie Bahn, Bus, Velo, Fussverkehr und Auto zusammenspielen. Wie kommen die Leute aus den Quartieren zum Bahnhof? Reicht der Bus noch, oder braucht es auf einzelnen Achsen ein Tram oder eine Stadtbahn? Diese Fragen müssen beantwortet sein, bevor man den Bahnhof baut, nicht danach.
Singer: Konkret heisst das für uns: Acht Durchfahrtsgleise, S-Bahnen durchbinden statt in Winterthur enden lassen, die Bahnhöfe Grüze und Oberwinterthur stärken, damit nicht alle am HB umsteigen müssen, und den Stadtraum mitplanen.
Der Verein setzt sich seit fünf Jahren für die Raumentwicklung um den Bahnhof ein. Was wurde erreicht?
Riedi: Erreicht haben wir, dass über die verschiedenen Ausbauvarianten wieder gesprochen wird. Eine bereits verworfene Idee wurde nochmals geprüft, die Stadt hat Dialogrunden mit uns geführt, und das Stadtperron ist in der Testplanung angekommen. Wir sind heute Gesprächspartner, nicht Zaungast.
Singer: Aber der Stadtrat hat aus unserer Sicht zu früh auf die beiden – gemäss Stadtrat – besten Varianten gesetzt.
Über Varianten will die Stadt aber nicht mehr sprechen. Der Variantenfächer sei bereits geschlossen.
Singer: Da bin ich mir noch nicht so sicher.
Ihr wollt die Diskussion um die Varianten wieder aufleben lassen?
Riedi: Nicht um alles neu aufzurollen, sondern weil mit dem Stadtperron und den acht Gleisen neue Aspekte dazugekommen sind. Bei den beiden Bestvarianten handelt es sich um ein typisches Betriebskonzept. Die SBB kommt und sagt: Wir haben so und so viele Züge, die fahren da und dorthin, also brauchen wir so und so viele Gleise. Wir finden aber, es braucht ein Verkehrskonzept – und reden von einer Stadtentwicklung. Wir brauchen den Bahnhof, der zu uns passt, und wollen nicht die Stadt an den Bahnhof anpassen. Das ist der falsche Weg. Wenn man anhand der Prognosen sieht, wie gross Winterthur wird, muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist, wenn die Busse im Zweieinhalb-Minuten-Takt fahren.
Singer: Nach Abschluss der Testplanung wird im ersten Quartal 2027 eine Mitwirkungsphase gestartet, in der sich alle noch einmal äussern können. Das ist ein zentraler Punkt. Wir haben schon immer gesagt, Mitwirkung soll dann passieren, wenn relevante Entscheide gefällt werden, und nicht erst dann, wenn es darum geht, welche Farbe das Bushäuschen haben soll.
Acht Gleise würden eine Verschiebung des Bahnhofs erforderlich machen. In einer Schriftlichen Anfrage haben sich kürzlich zwei Politikerinnen dafür eingesetzt, dies zu prüfen. Zu Recht?
Singer: Kaum war die Schriftliche Anfrage draussen, wurde Kritik laut. Man könne das doch nicht machen, so der Tenor, das sei viel zu teuer. Und ja, es würde viel kosten, aber: Der Wendebahnhof kostet laut Dokumenten von Stadt und SBB auch 200 Millionen Franken. So können wir schauen, wie viel Manövriermasse wir haben, wenn wir den Wendebahnhof nicht brauchen oder nur abgespeckt. Dann relativieren sich die Zahlen. Wir finden, das muss man jetzt in dieser Phase diskutieren.
Ich habe gelesen, eure Lieblingsvariante sei ein Tiefbahnhof?
Singer: Das ist Nonsens. Wir sind überhaupt nicht auf der Linie Tiefbahnhof. Was wir gesagt haben: Man darf den Tiefbahnhof jetzt nicht verunmöglichen. Künftige Generationen sollen, wenn nötig, die Möglichkeit dazu noch haben.
Ist ein solcher nicht schon verbaut?
Riedi: Eben, das ist die Frage und das muss man jetzt abklären. Der Tiefbahnhof steht im Schlussbericht von 2021. Er soll in der Testplanung konkret gesichert wird. Wenn wir in 40, 50 Jahren einen Tiefbahnhof bauen wollen, dann sollten wir jetzt schauen, wo wir hinuntergehen und wo wir hochkommen, damit wir den Raum auch künftig haben.
Wie ist eure Haltung zu einer Stadtbahn oder einem Tram?
Riedi: Auch das ist ein Thema, das man jetzt anschauen muss. Man kann nicht im Vorfeld sagen, dass sich Busse dafür besser eignen.
Was ist eure Lieblingsvariante?
Singer: Unsere Lieblingsvariante besteht darin, den Bahnhof so auszubauen, damit wir das bewältigen können, was laut dem übergeordneten Fahrplankonzept vorgesehen ist. Wenn das mit sieben Gleisen wäre, ohne Wendebahnhof, würden wir die Variante mit sieben Gleisen unterstützen. Wir befürchten, dass die SBB aber recht gehabt hat, als sie gesagt hat, es brauche acht Gleise oder sieben Gleise und einen Wendebahnhof. Darum sind wir für acht Gleise. Wir wollen nicht zum Flaschenhals der Ostschweiz werden. Wir wollen lieber das Tor zur Ostschweiz sein.
Was darf bei der Bahnhofsplanung auf keinen Fall passieren?
Singer: Das Schlimmste, was uns passieren könnte, ist, wenn wir einfach eine Verkehrsmaschine aus Bern bekämen, ohne Rücksicht auf alles andere. Wir wollen eine Infrastruktur, welche die Bedürfnisse der Stadt befriedigt, die aber auch in die Stadtentwicklung, die Stadtgestaltung eingebettet ist. Es muss attraktive Freiräume geben. Genau diese Themen werden aktuell in der Testplanung bearbeitet und wir sind gespannt auf die Ergebnisse.
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